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Liebes Deutschland, ...

Photo by Aaron Burden on Unsplash
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Liebes Deutschland,

 

du bist meine Heimat. Das habe ich mir nicht ausgesucht, es ist einfach passiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hatte ich einfach Glück. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Menschenrechte etwas wert sind, in dem ich frei sein kann und alles machen darf, was ich will, solange ich niemandem damit schade. Das ist super und ich sollte wirklich jeden Tag dankbar dafür sein.

Deutschland ist vielfältig. Wir haben zwei Meere und die Alpen, riesige Wälder und ein Stück vom Bodensee. Es gibt mehr Dialekte, als Bundesländer und vermutlich mehr Brotsorten als Getreidearten. Ich habe immer gerne in Deutschland gelebt und das tue ich immer noch. Vor allem seitdem ich Reise und viel Kontakt zu Ausländern habe lerne ich das was ich hier habe wirklich zu schätzen.

Aber in der letzten Zeit, liebes Deutschland, enttäuschst du mich immer und immer mehr.

 

Ich bin ohne offensichtlichen Migrationshintergrund in einer multikulturellen Familie aufgewachsen. Damit meine ich natürlich auch die Familie, die ich mir ausgesucht habe. Ich denke nicht, dass ich naiv bin, wenn ich behaupte, dass alle Menschen, egal woher sie kommen und welche Vorgeschichte sie haben gut miteinander auskommen können. Man muss sich nicht immer gleich um den Hals fallen, aber sich gegenseitig respektieren ist wirklich keine schwierige Sache. Warum schaffen das so viele Menschen einfach nicht?

 

Ich bin wütend! Deutschland läuft in die falsche Richtung, das wird von vielen Leuten belächelt, aber was ist, wenn es ernst wird? Es gehen Leute auf die Straße und brüllen “Wir sind das Volk!”, während sie gegen Flüchtlinge hetzen. Nein das sind wir nicht! Ich gehöre zum deutschen Volk und teile eure dämliche Meinung nicht! Ich bin mir sicher, dass ich noch ein paar Millionen andere deutsche finde, die eure beschränkte Meinung ebenfalls nicht teilen. Mit was soll Deutschland denn bitte verbunden werden? Ich habe es satt im Ausland nach der Nazi-Vergangenheit meines Heimatlandes ausgefragt zu werden und was ich davon halte. Deutschland hat so viel mehr zu bieten, so viele schöne Dinge und ihr, liebe PEGIDA-Demonstranten, AFDler und bekennende Nazis, verdeckt das alles mit eurer Rückwärtsgewandtheit.

 

Ich darf mir auf der Arbeit viel anhören. Wer mit Menschen arbeitet, bekommt einen ganz besonderen Einblick in das, was die Menschen gerade bewegt. Flüchtlinge gehören erfahrungsgemäß neben Krebs, dem Wetter und dem Geburtstagsgeschenk für den Enkel/Sohn/Freund zu den beliebtesten Small-Talk Themen der Deutschen.

“Die Flüchtlinge bekommen ja alles in den Arsch geschoben.”, höre ich in der oder einer anderen Variante immer wieder. Aber ist das denn wirklich so?

Ich habe gesehen wie Flüchtlinge in Deutschland und in anderen Ländern leben. Die Umstände greifen oft genug vergebens nach Menschenwürde. Und wenn ein Hartz IV Empfänger, der auf Kosten unseres Sozialstaats lebt sich darüber aufregt, dass er ja so wenig Hilfe bekommt und ein Flüchtling angeblich viel mehr, dann weiß ich oft nicht ob ich lachen oder weinen soll. Deutschland gibt den Deutschen so viel, sie müssten sich nur mal informieren oder auch mal etwas dafür tun. Wer sich nicht kümmert ist doch selbst schuld. Wir leben in einem Land in dem jeder etwas werden kann!

 

Dass wir uns so etwas wie sozialhilfe leisten können ist im übrigen auch etwas für das wir sehr dankbar sein sollten. Ich denke, dass viele der sogenannten besorgten Bürger nicht wissen, was für ein Glück sie haben. Sie haben Angst vor dem Unbekannten, das den Flüchtlingen wohl innewohnt, aber wovor haben denn Flüchtlinge angst? Vor den Dingen, vor denen sie flüchten, sonst wären sie nicht hier! Diese Menschen riskieren ihr Leben, um vor Hunger, Armut, Krieg und Elend zu fliehen. Dabei begeben sie sich auf eine Reise ins Unbekannte, das wovor so viele deutsche Angst haben, und einige sterben sogar auf dem Weg in ein besseres Leben. Menschen sind so verzweifelt, dass sie in Kauf nehmen im Mittelmeer zu ertrinken oder in einem LKW zu ersticken! Wie schlecht muss es einem da bitte gehen? Das kann sich beim besten Willen kein Deutscher vorstellen und das ist, so traurig es für die anderen ist, ein Privileg für uns.

 

Ich bin nicht so blind, dass ich nicht sehe, dass hier auch Fehler gemacht wurden. Wenn ein Flüchtlingsmädchen zurück in den Irak flüchtet (!), weil sie in Deutschland auf ihren Peiniger trifft, ist definitiv etwas schief gelaufen. Wenn in Deutschland Terroranschläge passieren, dann ist etwas schief gelaufen und das ist traurig. Es ist ebenso traurig, wenn gut integrierte Flüchtlinge, die gerne bleiben wollen, oder sogar hier aufgewachsen sind und vom Heimatland ihrer Eltern nicht mal ansatzweise die Sprache sprechen abgeschoben werden. Aber Fehler passieren, das ist menschlich, das macht uns aus. Und mehr als entschuldigen kann man sich oft nicht.

 

Es hätte sicherlich bessere Wege gegeben sich mit dem Flüchtlingsmassen auseinander zu setzen, wenn die Politik früh genug reagiert hätte. Es gab Warnungen und die wurden ignoriert. Wenn 60% der Rüstungsexporte in Krisengebiete gehen, braucht man sich doch eigentlich nicht wundern, dass irgendwann Flüchtlinge vor der Haustür stehen. Da hätte man sich mal im vornherein einen Plan machen können.

Deutschland hat zwei Flüchtlingskrisen ganz gut gemeistert, die erste nach dem zweiten Weltkrieg und die zweite nach der Wiedervereinigung und das was jetzt passiert ist eben eine ganz andere Nummer. Hier kommen große kulturelle und sprachliche Barrieren dazu, aber das bedeutet nicht, dass es unmöglich ist.

 

Wer sich nicht mit fremden Kulturen beschäftigt, wer immer nur von außen auf die Massen guckt und ihnen sagt, dass sie verschwinden sollen, weil sie sich nicht integrieren, sollte sich vielleicht auch mal fragen was er selbst für die Integration getan hat. Wem es wichtig ist auf der Straße gegrüßt zu werden, der wird jeden anden begrüßen. Wer weiß, was er an seiner Heimat liebt, der kann dafür sorgen, dass auch andere Menschen diesen Ort mögen und sich darum kümmern. Wer will, dass der syrische Nachbar mit ihm Deutsch spricht wird mit dem Nachbarn vernünftiges Deutsch sprechen. Wenn ich mich in Hot Pants und Crop top frage warum, die Frau neben mir Burka trägt, dann frage ich einfach und im besten Fall sagt sie, dass sie das aus eigener Überzeugung trägt und sich in meinem Outfit einfach unwohl fühlen würde. Im schlimmsten Fall frage ich, ob ich ihr helfen kann.

Integration ist keine Einbahnstraße und wer nichts dafür tut, darf sich nicht darüber aufregen, wenn sie nicht funktioniert.

 

Ich bin froh, dass es in dieser verrückten Welt, noch Leute gibt, denen Menschlichkeit am Herzen liegt. Die ihren Reichtum, den jeder hier in Deutschland hat, teilen und Verständnis zeigen. Jeder von uns kann Flüchtling werden, ob politisch, durch Natur und Umweltkatastrophen, Hunger oder Krieg. Wir wissen nicht was die Zukunft bringt! Sollte ich mal in die Lage kommen aus meiner Heimat, die ich über alles liebe, flüchten zu müssen, wäre ich froh über jedes nette Gesicht, das mich willkommen heißt.

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